Zauner.Literatur: Evangelienspiele

DIE RAINBACHER EVANGELIENSPIELE

 

2021 spielen "Die Rainbacher Evangelienspiele" das Stück
YSOP AUF DEM FELD
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Ysop

Ysop auf dem Feld
Die ersten Menschen
von Friedrich Ch Zauner / Bühnenmusik: Fridolin Dallinger

Nachdem sie aus dem Paradies vertrieben worden waren, standen die ersten Menschen vor zwei essentiellen Problemen.
Das erste war die Entwicklung eines sozialen Bewusstseins, zum anderen besitzt der Mensch die Fähigkeit, über sich hinauszudenken. Daraus entwickelten sich Religionen und Geisteshaltungen, die sich, wie an Abel und Kain aufgezeigt wird, bis zum tödlichen Hass steigern können.
Und wir klugen und aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts haben immer noch keine schlüssigen Lösungen für diese beiden Probleme gefunden.

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Interview und Ausschnitte aus PASSION 2018



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Hubert Feichtlbauer:
Sünder als Werkzeuge des Heils


Die Bibel ist das Buch sehnsuchtsvollen Fragens     
Das Innviertel als Kulturland: geschenkt! Längst bekannt - von Stelzhamer bis Kubin! Passionsspiele auch im Innviertel: Gewiss, auch in hoher Qualität, wenn man etwa an die letzten Jahre von Mettmach denkt. Trotzdem: Rainbach, die Rainbacher Evangelienspiele – etwas Besonderes! Aber wie besonders? Warum besonders?
Das lässt sich begründen. Die Bühnenstücke gehen von den Erzählungen der christlichen und seit 2009 auch der Hebräischen Bibel aus, verpflanzen diese aber mitten in unsere Zeit. Sie streifen den Menschen freilich nicht nur heutige Kleider über, vergegenwärtigen das Geschehen nicht in zeitgeistigen Sprüchen („Der Jesus uns seine Hawara“) oder Szenenbildern (Kreuzweg mit SS- Schergen), sondern verkünden die Botschaft im Umfeld der Geschichte zeitlos deutlich. Das macht ihre Aussage so stark – nicht obwohl, sondern gerade weil der Text keineswegs immer dem biblischen Vorbild folgt, Theologie nicht ersetzen, aber literarisch aushorchen will.
„Ich deute nicht, ich dichte,“ hat der Autor Friedrich Ch. Zauner einmal gesagt und bei anderer Gelegenheit betont: „Es geht nicht um jüdische, christliche oder islamische Gestalten, sondern um archaische Figuren, die eine Prüfung zu bestehen haben.“ Der Gründungs-, Nähr- und Ziehvater dieser Festspiele,  dessen epische, lyrische und dramatische Texte ebenso wie seine Theaterpranke als Regisseur längst weit über seine Innviertler Heimat hinaus Resonanz gefunden haben, gibt den immer aktuellen Existenz- und Sinnfragen der Menschheit stets ein Gesicht, ein biblisches Gesicht. Dieses Gesicht ist, wie man bei näherem Hinsehen sofort bemerkt, nie das Antlitz heldischer Menschen, sondern das aufbrechender oder gebrochener Figuren, geprüfter und heimgesuchter, mit Licht- und Schattenseiten befrachteter, liebenswerter und zugleich problematischer Menschen.
Aber so sind die Protagonisten der Bibel. Und Friedrich Ch. Zauner befindet: „Unsere Wurzeln liegen nicht bei Zeus oder Wotan. Alles, was in den 2000 Jahren abendländischer Geschichte , im Guten wie im Bösen, an Großartigem wie an Fehlerhaftem, passiert ist, hat seinen Ursprung in jenem Gedankengut, das uns in der Bibel überliefert wird.“ Es sind Menschen, in denen damals wie heute die Kraft zum Guten und die Neigung zum Bösen glüht. Ihrer bedient sich Gott, um sein Schöpfungswerk weiterzutreiben.
Alle zehn bisherigen Aufführungen in Rainbach, die seit 2009 in der großartigen hölzernen „Theater-Basilika“ mit 300 Sitzplätzen und Freiblick ins Grüne, ins Unendliche zum Leben erwachen, bestätigen das Grundkonzept der Rainbacher Bibelspiele (wie sie eigentlich längst heißen müssten): Menschen wie du und ich, voll edler Neigungen und schwach für die Versuchungen von Ansehen, Macht, Wollust und Geld, haben sich in jeder Generation zu bewähren und dürfen auch bei Versagen auf  Liebe hoffen, wenn Liebe ihr Handeln treibt.
In der Rainbacher „Passion“ ist eine der Hauptfiguren Pilatus (der demnach vielleicht doch nicht aus Versehen ins Credo geriet): der Rationalist, der kritische Vernunftmensch, der zuletzt trotzdem aus Angst, seine Macht zu verlieren, versagt. Vorher noch geht er zusammen mit Petrus ins Haus des Lazarus, der die andere Welt schon erfahren hat. Aber auch Petrus wird nicht durch diesen zu einem Helden des Glaubens, verrät seinen Herrn noch während des Prozesses, wird von seiner Liebe erst nach dem Ostersieg über den Tod  überwältigt.
Abraham, der Stammvater dreier Weltreligionen, verschafft im Exil in Ägypten seinem Volk Ruhe, indem er seine schöne Frau Sarah dem Pharao überlässt. Ijob bäumt sich in tiefer Verzweiflung auf gegen Gott und kommt dem Unbegreiflichen (wie sich selbst) gerade dadurch näher. König Saul eint die Stämme, verfällt dabei jedoch dem Diktat des Schwertes und wird auf die alten Tage unempfindlich für die betörenden Gotteshymnen seines Sohnes David, ehe  dieser, um die schöne Batseba  zu locken, deren Mann in den Tod schickt. Dafür wieder wird erst Davids Sohn Salomon den Tempel errichten.
Warum, warum bedient Gott sich solcher Menschen als Werkzeuge des Heils für alle? In diesen Stücken erleben wir die Bibel als Buch des sehnsuchtsvollen Fragens, nicht der vorfabrizierten theologischen Antworten. Diese Fragen treten auch in großen Frauengestalten der heiligen Bücher hervor. Eine von ihnen ist Ruth, die Moabiterin, die mit ihrer jüdischen Schwiegermutter zurück in deren Heimat zieht, in Boas ein Feuer der Liebe weckt, sich seiner jedoch nach damaligem Brauch nicht würdig weiß. Sie finden zueinander, indem sie beide ihre Vorurteile als solche erkennen, und werden Stammeltern des späteren Königs David. Ein dramatisches Emigrantenschicksal!
Heuer ist die uns kaum vertraute Tamar ein Urbild des Festspiels. Sie heiratet den ältesten Sohn von Juda, aber der ist todkrank und stirbt, ehe sie sich finden. Onan, der zweite Sohn, nach dem Gesetz jetzt zum Witwentrost verpflichtet, verweigert sich ihr, weil sie stark ist, „männlich“ auftritt und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen möchte; er stirbt aus Angst vor ihr. (Nicht ganz das, was man mit dem Geschehen verbindet, dem Onan bis heute seinen Namen leiht.) Als ihr Schwiegervater Juda  ihr den dritten Sohn verweigert und sie kinderlos und entehrt zu ihrem Vater zurückschickt, flüstert der ihr einen Rat ins Ohr. Sie verführt, als Dirne verschleiert, Juda und empfängt Zwillinge von ihm. In der Versammlung der Männer versucht Juda zu leugnen, aber in der Liebesnacht hinterlassene Pfänder verraten ihn. So geht sie in den Stammbaum Jesu ein. Frauen-Power in der Bibel: „Wir (Frauen) sind Rebellen, weil wir etwas in uns tragen, was in Gesetzen nicht vorkommt – Liebe.“
Liebe durchschaut, Liebe erlöst, Liebe rettet die Welt. Der Dichter hämmert die Botschaft in seine Texte. „Sprache ist in ihrem Ursprung Gebet,“ lässt er einen Künstler im Tamar- Drama sagen. Immer lässt auch Musik, einmal fröhlich-heiter, einmal schwermütig-klagend, die Herzen schwellen, nimmt Lust und Leid zum Himmel mit. Ein phantastisch zusammengeschweißtes Team weiblicher und männlicher Darsteller, Profis und Laienspieler, unzählige Mithelfer in allen Bereichen bieten hier Theater als moralische Anstalt auf anspruchsvollem Niveau. Rainbach strahlt über viele Grenzen hinaus.