DIE RAINBACHER EVANGELIENSPIELE

 

Die Rainbacher Evangelienspiele bieten 2018 das biblische Drama

Passion


Hans Würdinger
Passion
Das uralte Spiel der Menschheit von Leben und Tod


Seit Jahrhunderten wird die Leidensgeschichte Jesu Christi, sein Weg zum Kreuz, immer wieder nachgespielt als christlich-gläubige Erinnerung an die Erlösung durch das Kreuz, aber auch aus der tiefen Sehnsucht des Menschen nach Heil und Erlösung heraus. Denn oft entstanden diese Spiele in Zeiten der Angst und der Not, in Zeiten, in denen die Menschen hilflos und hoffnungslos der Macht des Todes gegenüberstanden. Passionsspiele sind darum immer auch gespielte Bilder des leidenden, erlösungsbedürftigen Menschen, Bilder der tief im Herzen vergrabenen Hoffnung, die im Mitleiden, in der „Com-Passio“ ihre Nahrung und ihre Kraft erfährt, Bilder auch, die Fragen stellen, auf die es keine einsichtige, letztlich verständliche Antwort gibt: Warum Leiden, warum Kreuz, warum der Tod, warum der Mensch als Opfer des Menschen?
Schlüssige, verlässliche Antworten auf diese Fragen gibt auch Friedrich Ch. Zauners „Passion“ nicht, das Herzstück der vierteiligen Evangelienspiele. Sein Spiel vom Leiden Jesu Christi zeigt die Abgründe der Macht, die Wehrlosigkeit des Opfers, die Gnadenlosigkeit der Täter, die aus unterschiedlichen Motiven über Leben und Tod entscheiden. Kein Historienspiel ist da entstanden, auch keine Anklage, sondern eher ein Versuch, Verständnis zu wecken für Menschen, die an diesem Jesus, seiner Botschaft, seinem Auftreten Anstoß nahmen, die ihn nicht verstehen konnten, die oft nur die Oberfläche, den Vordergrund sahen.
Von diesem Vordergrund ist in der Passion Zauners nicht mehr viel zu finden. Jesus ist der Wehrlose, das Spielzeug in der Hand der Mächtigen, und Macht ist nicht Staatsgewalt, sondern bündelt sich in der Masse der Menschen, die sich allzu leicht lenken und steuern lassen. Damit spielt Zauner das uralte Spiel der Menschheit zwischen Angst, zur Wut entfesselter Enttäuschung und blinder, todbringender, menschenverachtender Gewalt.
Jesus von Nazaret ist das Opfer. Jesus - der Wunderheiler, der Prediger, der einerseits die Menschen in seinen Bann zieht, andererseits für viele, die sein Auftreten erleben, bittere Enttäuschungen auslöst. Denn die Erwartungen, die an ihn, den erhofften Messias gestellt werden, erfüllt er nicht - er kommt nicht als der große politische Befreier, der die verhassten Römer aus dem Land jagt und eine neue Gesellschaftsordnung aufrichtet. Er heilt nicht alle Kranken, er schafft das Leiden der Menschen, die quälende Not nicht mit einem Federstrich, einer Handbewegung aus der Welt. Und am Ende ist er stumm, nur noch Opfer einer Brutalität, deren unterschiedliche Motive in den Personen der Leidensgeschichte nachgezeichnet werden - ohne sie zu rechtfertigen, aber um sie zu verstehen. Nur knappe Linien zeichnen den eigentlichen Leidensweg nach: Geißelung, Verspottung, Dornenkrönung, Kreuzigung - das Bild des gedemütigten, zerbrochenen Menschen, ohne vordergründige, oberflächliche Effekte, dennoch aber eindringlich und die Zuschauenden auch in ihrer Unmittelbarkeit verwundend. Zauners Spiel wird immer wieder unterbrochen und weitergeführt durch einen der antiken Tragödie ähnlichen Chor. Hier werden Fragen wie in einem Brennglas gebündelt, werden Zeit und Raum aufgebrochen, um dem Spiel Distanz und Nähe zugleich zu geben.
Friedrich Zauner personifiziert all die offenen Fragen an Jesus, an seine Botschaft, sein Auftreten, Fragen so alt wie die Menschheit, Fragen nach Leben und Tod, Fragen, die zum Hass, zum Tod führen - er gibt ihnen ein Gesicht, eine unüberhörbare Stimme. Damit wird sein Spiel erschreckende Gegenwart, weit mehr als nur eine Umsetzung des in den Evangelien überlieferten Geschehens der letzten Stunden von Jesus in Jerusalem. Zauner fragt nicht vordergründig nach den historisch möglichen Abläufen. Er hält sich an die biblische Erzählung, aber diese ist gewissermaßen nur der Hintergrund, auf dem die vielen Fragen in diesem Spiel gestellt werden.
Pilatus, Herodes, Petrus, Judas - sie stehen für den Versuch, diesen Jesus zu verstehen. Sie stehen für die Fragen, die gestellt wurden und immer noch gestellt werden, auch von den gläubigen und den ungläubigen Menschen unserer Zeit. Pilatus ist der Mächtige mit Macht von des römischen Kaisers Gnaden, der sich aus Angst hinreißen lässt zu seinem Urteil - gegen alles bessere Wissen. Er weiß um seine hilflose Rolle - als Strohpuppe der eigentlichen Macht. Pilatus ist das Opfer der eigenen Unsicherheit. Er wird in Zauners Spiel zusehends mehr zur eigentlich zentralen tragischen Gestalt, die an ihrer Unsicherheit am Ende zu zerbrechen scheint. Im Grunde sieht Pilatus tiefer, ist er nur nach außen hin der kalt entscheidende Richter, der seine tragische Rolle spielen muss, um dem Volk, der Stimmung der Masse entgegenzukommen. Manchmal blitzt bei Pilatus Erkenntnis auf: Das Gesetz wird zur Ware, die sich jeder für seinen Preis erkaufen kann. Pilatus, wie ihn Zauner in seinem Spiel darstellt, ist der unsichere, in sich zerrissene Machthaber, nach außen hart, in der Tiefe seiner Seele leicht verwundbar. Und diese Verletzungen führen zu neuer Gewalt... Am Ende steht Pilatus dem Petrus gegenüber - auch in der Umkehr der sprachlichen Bilder; hier der an sich zweifelnde, einst so selbstsichere römische Beamte - da der Jünger, der trotz der augenscheinlichen Niederlage und Katastrophe neuen Mut fasst und nach vorn schaut. Die vordergründig handelnde Macht wird verkörpert durch Pilatus auf der einen - Herodes auf der anderen Seite. Sie schachern regelrecht um den Gefangenen, seine Wehrlosigkeit wird für die beiden Mächtigen zum billigen Vergnügen - auch dieses Bild wiederholt sich in der Geschichte der Menschheit immer wieder; es ist nicht beschränkt auf ein historisches Ereignis irgendwo am Rande der Welt.
Die Frage nach der Wahrheit, die entscheidende Frage im Urteil des Pilatus wird von der Angst um seine zerbrechliche Macht übertönt. Und diese Angst kommt aus dem Volk, das aufgehetzt ist von den „Einbläsern“, die „Stimmung“ machen. Ihre diabolische Gestalt lässt erschrecken, denn sie sind allgegenwärtig - in den Stimmen, die auch heute Meinungen, Stimmungen mit manchmal tödlicher Raffinesse zu lenken wissen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, welche Macht diese Einbläser haben: Mit der Angst lassen sich Menschen sehr leicht lenken, zu Gewalt und Hass aufhetzen. Die Angst ist allzu oft die Wurzel von Menschenverachtung bis hin zum Tod.
Den Einbläsern gegenüber steht die Hoffnung - auch sie hat in Zauners Passion ein Gesicht, die Gesichter von Josoa und Euphora. Josoa, der Aussätzige und Blinde, der auf seine Heilung wartet, wird von seiner Frau durch Jerusalem, durch das Geschehen um den Tod von Jesus geführt - die Hoffnung auf Wanderschaft zwischen den Mauern der tödlichen Macht, die kümmerliche Hoffnung am Kreuzweg, auf der Suche nach dem Funken des Lebens im Schatten und Dunkel einer todbringenden Umgebung.
Suchende, Hoffende, Fragende, Unsichere zwischen Scheitern und Neuaufbruch sind auch Judas und Petrus. Judas wird an Jesus zum Verräter, weil er sich von ihm verraten glaubt. Was im so genannten „Judas-Evangelium“ angesprochen wird, die Fragen des Judas nach dem Wirken des Messias, vor allem auch die politisch motivierten Erwartungen zeigt auch Zauner in seiner Passion. Petrus steht dem Judas gegenüber. Auch er ist unsicher, auch er weiß die Rolle des Jesus nicht einzuordnen, auch er sucht nach der Wahrheit des Jesus und scheitert zunächst an seiner eigenen Angst und Unsicherheit. Zusammen mit Pilatus besucht er den vom Tod auferweckten Lazarus - glauben kann nur, wer sieht. Am Ende der Leidensgeschichte steht Petrus als der felsenfest Glaubende da - ihm gegenüber der unter seiner zerbröckelnden Macht begrabene Pilatus: zwei Pole, zwei Gegenspieler, Licht und Schatten, Frage und Antwort - Antwort, die nur möglich ist aus dem Glauben.
Jesus wird nicht nur aus dem Glauben heraus gesehen, sondern zunächst aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln. Da ist der Traum der Frau des Pilatus - sie sieht nur mit der Seele, dem Herzen, ihr Sehen wird zur Ahnung, die nicht in das Spiel der Macht zu passen scheint. Da sind die Gefangenen, unter ihnen Barabbas, ein Blick auf Jesus von ganz unten - auch hier eine Ahnung, allerdings eine ganz andere: enttäuschte Suche nach einem Befreier, gefangene Hoffnung im Kerker der Unmenschlichkeit. Zauner zeigt in seinem Spiel nicht nur den „wissenden“ Blick der christlich Gläubigen, sondern auch den Blickwinkel der „Ungläubigen“, die diesen Jesus als einen der vielen Wanderprediger und Lehrer ihrer Zeit mehr oder weniger deutlich wahrnehmen. Auch das wieder Lebenswirklichkeit vieler heutiger Menschen: Die Suche nach einem Messias, nach Erlösung und Heil führt längst nicht mehr zwangsläufig und unmittelbar zum Glauben an das Evangelium.
Friedrich Zauner wirft darum wohl auch alte Fragen der Menschheit auf - er steht da auch in der Nachfolge der Fragen, die Bertolt Brecht in seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“ schon gestellt hat: Die Blinden und die Krüppel klagen Jesus an, weil er nicht alle heilt - die einen, die Geheilten stehen im Licht, das den Schatten der menschlichen Not aber nur umso größer, erschreckender werden lässt. Was bewirkt dieser Messias, wenn das Leiden nur noch härter erscheint gegenüber einigen „Auserwählten“, die von ihrer Not erlöst sind? Die Antworten bleiben offen, der Zuschauende aber nimmt die Fragen mit sich, Fragen, die aber auch die Augen öffnen und herausführen aus aller trügerischen Selbstzufriedenheit. Der groteske Chor der Krüppel wird zu einem Schlüsselmoment in Zauners Passionsspiel. Denn plötzlich ist Passion nicht mehr nur ein nachgespieltes Geschehen, sondern sehr unmittelbar und nahe. Sie hat etwas zu tun mit dem Leben, den Empfindungen, den Fragen der Zuschauenden. Es bleiben die großen Fragen und Rätsel. Eine Auflösung gibt es erst in der Schluss-Szene: „Die Tage sind da“ - Menschen, die sich von diesem Jesus haben ansprechen und bewegen lassen, handeln: sie heilen nicht, sie stehen an der Seite der Leidenden. Die Barmherzigkeit des Menschen, der auch selbst um das Leiden weiß, siegt über die Gnadenlosigkeit jener berechnenden Macht, für die ein Menschenleben nicht viel bedeutet. Damit verliert das Spiel seine Distanz, wird aber auch nicht pauschal anklagend, sondern zeigt Wege - Wege, die nur Menschen miteinander gehen können. Aus dem Opfer wird neue Lebenskraft. Das Spiel von der Gnadenlosigkeit menschlicher Macht wird zum Spiel der Menschlichkeit - der „Com-Passio“, des Mit-Leidens, das diese Welt verwandelt. Die „Passion“ ist mehr als nur ein biblisch begründetes Spiel. Sie ist Anfrage an die Welt von heute, die sich offensichtlich nicht allzu sehr verändert hat, Anfrage an die Spielregeln menschlichen Lebens, die alte Frage nach Leben und Tod. Am Ende des Passionsspiels steht nicht der Tod, sondern das Leben, nicht das Kreuz, sondern die Auferstehung: „Die Tage sind da“. Jetzt gilt die Botschaft des neuen Lebens als Herausforderung gegen die allgegenwärtige Macht des Todes.
Die Botschaft des Jesus von Nazaret blieb den Menschen damals unverständlich. Sie verunsicherte die Mächtigen, und aus dieser Unsicherheit und Angst entstand die menschenverachtende Gewalt. Die Botschaft des Jesus von Nazaret wurde und wird zur Frage - Antworten kann und muss jeder Mensch geben, für den die „Passion“ mehr ist als ein Spiel aus vergangener Zeit.

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Interview und Ausschnitte aus TAMAR oder Wie eine Stele



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Hubert Feichtlbauer:
Sünder als Werkzeuge des Heils


Die Bibel ist das Buch sehnsuchtsvollen Fragens     
Das Innviertel als Kulturland: geschenkt! Längst bekannt - von Stelzhamer bis Kubin! Passionsspiele auch im Innviertel: Gewiss, auch in hoher Qualität, wenn man etwa an die letzten Jahre von Mettmach denkt. Trotzdem: Rainbach, die Rainbacher Evangelienspiele – etwas Besonderes! Aber wie besonders? Warum besonders?
Das lässt sich begründen. Die Bühnenstücke gehen von den Erzählungen der christlichen und seit 2009 auch der Hebräischen Bibel aus, verpflanzen diese aber mitten in unsere Zeit. Sie streifen den Menschen freilich nicht nur heutige Kleider über, vergegenwärtigen das Geschehen nicht in zeitgeistigen Sprüchen („Der Jesus uns seine Hawara“) oder Szenenbildern (Kreuzweg mit SS- Schergen), sondern verkünden die Botschaft im Umfeld der Geschichte zeitlos deutlich. Das macht ihre Aussage so stark – nicht obwohl, sondern gerade weil der Text keineswegs immer dem biblischen Vorbild folgt, Theologie nicht ersetzen, aber literarisch aushorchen will.
„Ich deute nicht, ich dichte,“ hat der Autor Friedrich Ch. Zauner einmal gesagt und bei anderer Gelegenheit betont: „Es geht nicht um jüdische, christliche oder islamische Gestalten, sondern um archaische Figuren, die eine Prüfung zu bestehen haben.“ Der Gründungs-, Nähr- und Ziehvater dieser Festspiele,  dessen epische, lyrische und dramatische Texte ebenso wie seine Theaterpranke als Regisseur längst weit über seine Innviertler Heimat hinaus Resonanz gefunden haben, gibt den immer aktuellen Existenz- und Sinnfragen der Menschheit stets ein Gesicht, ein biblisches Gesicht. Dieses Gesicht ist, wie man bei näherem Hinsehen sofort bemerkt, nie das Antlitz heldischer Menschen, sondern das aufbrechender oder gebrochener Figuren, geprüfter und heimgesuchter, mit Licht- und Schattenseiten befrachteter, liebenswerter und zugleich problematischer Menschen.
Aber so sind die Protagonisten der Bibel. Und Friedrich Ch. Zauner befindet: „Unsere Wurzeln liegen nicht bei Zeus oder Wotan. Alles, was in den 2000 Jahren abendländischer Geschichte , im Guten wie im Bösen, an Großartigem wie an Fehlerhaftem, passiert ist, hat seinen Ursprung in jenem Gedankengut, das uns in der Bibel überliefert wird.“ Es sind Menschen, in denen damals wie heute die Kraft zum Guten und die Neigung zum Bösen glüht. Ihrer bedient sich Gott, um sein Schöpfungswerk weiterzutreiben.
Alle zehn bisherigen Aufführungen in Rainbach, die seit 2009 in der großartigen hölzernen „Theater-Basilika“ mit 300 Sitzplätzen und Freiblick ins Grüne, ins Unendliche zum Leben erwachen, bestätigen das Grundkonzept der Rainbacher Bibelspiele (wie sie eigentlich längst heißen müssten): Menschen wie du und ich, voll edler Neigungen und schwach für die Versuchungen von Ansehen, Macht, Wollust und Geld, haben sich in jeder Generation zu bewähren und dürfen auch bei Versagen auf  Liebe hoffen, wenn Liebe ihr Handeln treibt.
In der Rainbacher „Passion“ ist eine der Hauptfiguren Pilatus (der demnach vielleicht doch nicht aus Versehen ins Credo geriet): der Rationalist, der kritische Vernunftmensch, der zuletzt trotzdem aus Angst, seine Macht zu verlieren, versagt. Vorher noch geht er zusammen mit Petrus ins Haus des Lazarus, der die andere Welt schon erfahren hat. Aber auch Petrus wird nicht durch diesen zu einem Helden des Glaubens, verrät seinen Herrn noch während des Prozesses, wird von seiner Liebe erst nach dem Ostersieg über den Tod  überwältigt.
Abraham, der Stammvater dreier Weltreligionen, verschafft im Exil in Ägypten seinem Volk Ruhe, indem er seine schöne Frau Sarah dem Pharao überlässt. Ijob bäumt sich in tiefer Verzweiflung auf gegen Gott und kommt dem Unbegreiflichen (wie sich selbst) gerade dadurch näher. König Saul eint die Stämme, verfällt dabei jedoch dem Diktat des Schwertes und wird auf die alten Tage unempfindlich für die betörenden Gotteshymnen seines Sohnes David, ehe  dieser, um die schöne Batseba  zu locken, deren Mann in den Tod schickt. Dafür wieder wird erst Davids Sohn Salomon den Tempel errichten.
Warum, warum bedient Gott sich solcher Menschen als Werkzeuge des Heils für alle? In diesen Stücken erleben wir die Bibel als Buch des sehnsuchtsvollen Fragens, nicht der vorfabrizierten theologischen Antworten. Diese Fragen treten auch in großen Frauengestalten der heiligen Bücher hervor. Eine von ihnen ist Ruth, die Moabiterin, die mit ihrer jüdischen Schwiegermutter zurück in deren Heimat zieht, in Boas ein Feuer der Liebe weckt, sich seiner jedoch nach damaligem Brauch nicht würdig weiß. Sie finden zueinander, indem sie beide ihre Vorurteile als solche erkennen, und werden Stammeltern des späteren Königs David. Ein dramatisches Emigrantenschicksal!
Heuer ist die uns kaum vertraute Tamar ein Urbild des Festspiels. Sie heiratet den ältesten Sohn von Juda, aber der ist todkrank und stirbt, ehe sie sich finden. Onan, der zweite Sohn, nach dem Gesetz jetzt zum Witwentrost verpflichtet, verweigert sich ihr, weil sie stark ist, „männlich“ auftritt und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen möchte; er stirbt aus Angst vor ihr. (Nicht ganz das, was man mit dem Geschehen verbindet, dem Onan bis heute seinen Namen leiht.) Als ihr Schwiegervater Juda  ihr den dritten Sohn verweigert und sie kinderlos und entehrt zu ihrem Vater zurückschickt, flüstert der ihr einen Rat ins Ohr. Sie verführt, als Dirne verschleiert, Juda und empfängt Zwillinge von ihm. In der Versammlung der Männer versucht Juda zu leugnen, aber in der Liebesnacht hinterlassene Pfänder verraten ihn. So geht sie in den Stammbaum Jesu ein. Frauen-Power in der Bibel: „Wir (Frauen) sind Rebellen, weil wir etwas in uns tragen, was in Gesetzen nicht vorkommt – Liebe.“
Liebe durchschaut, Liebe erlöst, Liebe rettet die Welt. Der Dichter hämmert die Botschaft in seine Texte. „Sprache ist in ihrem Ursprung Gebet,“ lässt er einen Künstler im Tamar- Drama sagen. Immer lässt auch Musik, einmal fröhlich-heiter, einmal schwermütig-klagend, die Herzen schwellen, nimmt Lust und Leid zum Himmel mit. Ein phantastisch zusammengeschweißtes Team weiblicher und männlicher Darsteller, Profis und Laienspieler, unzählige Mithelfer in allen Bereichen bieten hier Theater als moralische Anstalt auf anspruchsvollem Niveau. Rainbach strahlt über viele Grenzen hinaus.