Friedrich Ch. Zauner ist Innviertler und lebt seit 1965 wieder in seinem Heimatort Rainbach im Innkreis.
Auch wenn er entschieden in Abrede stellt, als Bespiegler Innviertler Verhältnisse zu gelten oder gar provinziell
zu sein, darf doch die prägende Kraft dieser eigenartigen Landschaft nicht außer Acht gelassen werden. Obwohl es
Einflüsse aus allen möglichen Bereichen gibt, die an der Ausformung einer Dichterpersönlichkeit beteiligt sind, soll
eine kurze Betrachtung des landschaftlichen und kulturellen Hintergrundes an den Anfang gestellt werden.
Das Innviertel ist keine großartige, durch gewaltige oder bezwingende Höhepunkte kontrastierte Landschaft, es stellt
ein fruchtbares Hügelland mit Feldern, Wiesen und Wäldern dar. An der bäuerlichen Grundstruktur hat sich trotz
fortschreitender Industrialisierung und Technisierung nichts Wesentliches geändert. Auffällig ist das Selbstbewußtsein
dieses Menschenschlages, der sich seine Eigenart auf sehr spezifische Art und Weise zu bewahren verstanden hat.
Unbestritten ist auch die künstlerische Begabung der Innviertler, wobei allerdings die Meinungen auseinandergehen,
wem der erste Platz gebührt: den Vertretern der bildenden Künste oder den Dichtern. Eigenartig ist, daß diese
Landschaft keinen namhaften Komponisten hervorgebracht hat, obwohl das Volkstümlich-Musikantische hier tief verwurzelt ist.
Von den bildenden Künstlern sei die Familie Schwanthaler erwähnt, die sich im Jahre 1632 in Ried/Innkreis niederließ.
Auch die Brüder Martin und Michael Zürn waren seit 1640 an verschiedenen Orten des Innviertels tätig.
Zu den Künstlern der jüngsten Vergangenheit gehören Wilhelm Dachauer, bekannt durch seine Briefmarkenserien, und
Alfred Kubin. Dieser ist zwar kein geborener Innviertler, fand aber in der Nähe von Schärding jene Landschaft vor, die
wesentlich zur Ausformung seines eigenen, persönlichen Stils beitrug. Zwischen ihm und Zauner gibt es Berührungspunkte.
So könnte man sich eine ganze Reihe von Zeichnungen als Illustrationen zu Dramen von Zauner vorstellen, lebt doch auch
Zauner in dieser Landschaft, die Gerlinde Obermeier die Innviertler Kubingegend nennt, 'von der man erzählt, daß sie besonders
schwermütig und mystisch sei.' (Kronenzeitung v. 6.3.1974)
Mit Alfred Kubin, den Autor von 'Die andere Seite', kommt man aber auch zur Dichtung, zu der die Innviertler eine
seltsam starke Beziehung haben, die man durch all die Jahrhunderte seit der Entstehung von 'Meier Helmbrecht' verfolgen
kann. Mit diesem Versepos ist das Land am Inn wohl zuerst in die Weltliteratur eingegangen. Ein wirklich begnadeter
Dialektdichter, der seine Heimat zutiefst kannte und liebte und sie mit farbiger Lebendigkeit zu schildern wußte, war
der zu Piesenham bei Ried geborene Franz Stelzhamer. Erwähnt sei auch noch der aus St. Marienkirchen bei Schärding
stammende Richard Billinger, dessen zahlreiche Dramen fast durchwegs im bäuerlichen Milieu angesiedelt sind und eine
seltsame Mischung von krassem, hintergründigem Naturalismus und moderner, komplizierter Psychologie darstellen. Mit
wenigen Ausnahmen sind sie heute aber durchwegs vergessen.
Wenn man in den Werken Zauners auch kaum etwas von den dämonisch-skurrilen Gestalten Billingers findet, so bringt
er doch in "Kobe Beef" ein Drama auf die Bühne, das vom Thema her von seinem Landsmann beeinflußt sein könnte
und zeigt, daß er dieser Welt, man könnte sie auch barock nennen, mehr verbunden ist, als er es sich vielleicht selbst
eingestehen will. Das erfährt man auch in "Ypsilon", wo er den alten Schauspieler als letzten Satz vor seinem Tode
sagen läßt: '...und die Erinnerungen spuken... als Perchten durch die Träume.'
Unbestritten ist, daß die Leute im Innviertel eine starke Beziehung zum Literarischen haben, allerdings weniger zur
gedruckten Literatur, zum Buch, sondern vielmehr zum mündlich überlieferten Erzählgut, zu Geschichten und Sagen.
Es gibt kaum ein Dorf, in dem man nicht einen oder mehrere begabte Erzähler findet.
Geschichten haben im Leben Zauners schon seit frühester Kindheit eine Rolle gespielt, wie er selbst erzählt: 'Wenn
meine Mutter im Winter allein daheim war und gestrickt hat, kam gelegentlich ein Tischler zu uns, meist dann, wenn
er an der Arbeit wieder einmal keine Freude hatte, er also 'blau' machte. Da er an der Mutter eine dankbare Zuhörerin
fand, kam er gern zu uns. Ich lag dabei auf einem Sofa und hörte zu. Es waren die tollsten Geschichten, teils aus seinem
Leben, aus der Zeit, da er auf der Walz war, und auch von allerhand seltsamen Leuten, denen er begegnet war. Sicher
war vieles davon erfunden, aber es wurde alles so lebendig geschildert, daß Dichtung und Wahrheit ineinanderflossen.
Draußen vor den Fenstern ging der Tag allmählich in die Nacht über, es wurde kein Licht gemacht, die Stube lag im
Dämmerdunkel. Die Mutter hatte längst schon ihr Strickzeug beiseite gelegt und lauschte ebenso gespannt wie ich.'
Haben Zauners Theaterstücke auch keinen direkten Bezug zur Region, zur bäuerlichen Welt, wie dies bei seinem
Landsmann Billinger sehr wohl der Fall ist, so kann man wohl behaupten, daß es dieser fruchtbare Boden ist, in dem
er wurzelt und aus dem er die Kraft für sein Schaffen zieht. Und wieder klingt es wie ein Selbstbekenntnis, wenn
der alte Schauspieler in "Ypsilon" sagt: 'Hier ist die Landschaft, die mir entspricht, die Einsamkeit, die Stille, die
es möglich macht, auf Töne zu hören, die jenseits der Hörgrenze liegen.'