Seit 2004: Friedrich Ch. Zauner und die Rainbacher Evangelienspiele
Die Botschaft des Evangeliums, biblische Geschichte im Spiel zum Leben zu bringen, das hat eine Jahrhunderte lange Geschichte. Und auch heute noch, in einer Zeit, in der viele Menschen äußerlich und innerlich auf Abstand zu christlicher Religion und Kirche gehen, ziehen Passionsspiele unzählige Besucherinnen und Besucher in ihren Bann - zumal dann, wenn diese Geschichte mit den Mitteln der klassischen Dramaturgie und Schauspielkunst einerseits, mit der Sprache und den Ausdrucksformen der Menschen von heute andererseits zum Leben gebracht wird. Und darum ging und geht es auch bei den Rainbacher Evangelienspielen, die mit der "Passion" am 10. Juni 2004 eröffnet wurden. Rainbach als "Passionsspielort" neben Erl in Tirol, St. Margarethen im Burgenland, Mettmach oder gar Oberammergau? Niemand in der Gemeinde wollte und will so hohe Ansprüche stellen - aber was sich in den vergangenen fünf Jahren hier entwickelt hat, ist eine ganz eigene Form des biblischen Schauspiels, das die Botschaft des Evangeliums hineinstellt in die Fragen und Lebenswirklichkeiten des 21. Jahrhunderts - in kongenialer Zusammenarbeit mit dem Textautor und - seit 2005 - auch Regisseur der Evangelienspiele Friedrich Ch. Zauner, mit dem Eferdinger Komponisten Fridolin Dallinger, der mit seiner Musik für die Chöre in den einzelnen Stücken besonders akzentuierte und von vielen Männern, Frauen, Kindern und Jugendlichen, die mit ansteckender Begeisterung neben den Berufsschauspielern auf der Bühne standen, Kostüme schneiderten oder die Bühne schufen.
Es war ein großes und wohl auch mutiges Projekt, das Friedrich Ch. Zauner in seiner Heimatgemeinde verwirklichen wollte. Kein "klassisches Passionsspiel" sollte es werden, sondern eine "Übersetzung" in das Heute, in eine Welt, in der die Menschen ähnlich verunsichert und verängstigt leben wie damals zur Zeitenwende, zur Zeit des Jesus von Nazareth, dessen Botschaft die Jahrhunderte überdauert hat und die immer noch als göttliches Wort Hoffnung und Trost gibt. Seit mehr als vierzig Jahren beschäftigt sich Zauner mit dem biblischen Stoff. Bei seinem Aufenthalt in Rom 1960-61 hat er die "Passion" verfasst, und schon damals war ihm klar, dass dieses Spiel nicht auf einer herkömmlichen Theaterbühne dargestellt werden kann. Umso wichtiger war es darum, für die Aufführung einen passenden Raum zu haben, der die Zuschauer sehr unmittelbar in das Spiel hineinzieht, in dem Handlung und Musik zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen können.
Im großen Rahmen der oberösterreichisch-bayerischen Landesausstellung "Grenzenlos" im Frühjahr und Sommer 2004 konnte auch Zauners Projekt Wirklichkeit werden. Bereits im Juli 2003 wurde darum ein eigener Verein "Die Rainbacher Evangelienspiele" gegründet. Die Vorstandschaft übernahm Bürgermeister Alois Gimplinger, der von Anfang an das Vorhaben mit allem Nachdruck unterstützt und sich auch im Gemeinderat für dessen Verwirklichung eingesetzt hatte. Eine mitten im Ort, neben dem Kirchenwirt gelegene Scheune wurde angemietet und mit vielen Helfern zur Theaterhalle aus- und umgebaut. Allein schon der Raum hatte etwas Besonderes - er sollte bei der Aufführung der "Passion" auch als Kulisse mit einbezogen werden.
Und diese Aufführung zog Besucher aus ganz Österreich und Bayern an. Zur Premiere am 10.Juni 2004 kamen Landeshauptmann Josef Pühringer, Landtagspräsidentin Angela Orthner, Alt-Landeshauptmann Josef Ratzenböck, ORF-Direktor Dr. Helmut Obermayr und Botschafter Dr. Gerhard Jandl nach Rainbach. Zu weiteren Aufführungen konnten die Bischöfe Dr. Maximilian Aichern aus Linz und Wilhelm Schraml aus Passau - beide hatten den Ehrenschutz des Spiels übernommen - begrüßt werden. Wer das Spiel von der "Passion" erlebte, der war bewegt und angerührt, denn Zauner war es gelungen, mehr als ein bloßes Schauspiel zu schaffen, sondern einen neuen Zugang zum biblischen Heilsgeschehen zu erschließen. Er wollte die Bibel "beim Wort nehmen" und dieses Wort für heute "übersetzen". Dazu bediente er sich der Formen des antiken Theaters, bei dem der Chor kommentiert und deutet, die Linien des Spiels bündelt und die Zuschauer durch das Geschehen auf der Bühne führt. Ein eigens gegründeter Chor, geleitet von Werner Weber, und ein Orchester und dem Dirigenten Ludwig Schmid setzte die Bühnenmusik Fridolin Dallingers in großer Dichte und Spannung um. Schon bei diesem Spiel wurde auch deutlich: Es gibt viele sehr begabte und engagierte Talente in der Gemeinde und der näheren Umgebung von Rainbach. Johann Eder spielte den Jesus, der stumm seinen Weg geht, als Opfer des Pilatus, der ihn von seiner Angst vor dem Volk zum Tod verurteilt. Pilatus ist die eigentliche Gestalt im Mittelpunkt des Spiels, der römische Statthalter, der hin- und her gerissen wird von seiner Macht und seiner Angst, diese Macht zu verlieren. Regisseur Klaus-Dieter Wilke machte aus dem Passionsspiel "großes Theater" mit viel Spannung und innerer Bewegung.
Die "Passion" Zauners verleiht der Leidensgeschichte Jesu Christi eine ergreifende Aktualität. Das Spiel vom Leiden Jesu Christi zeigt die Abgründe der Macht, die Wehrlosigkeit des Opfers, die Gnadenlosigkeit der Täter, die aus unterschiedlichen Motiven über Leben und Tod entscheiden. Es ist ein Versuch, Verständnis zu wecken für Menschen, die an diesem Jesus, seiner Botschaft, seinem Auftreten Anstoß nahmen, die ihn nicht verstehen konnten, die oft nur die Oberfläche, den Vordergrund sahen.
Jesus ist der Wehrlose, das Spielzeug in der Hand der Mächtigen, und Macht ist nicht Staatsgewalt, sondern bündelt sich in der Masse der Menschen, die sich allzu leicht lenken und steuern lassen. Damit spielt Zauner das uralte Spiel der Menschheit zwischen Angst, zur Wut entfesselter Enttäuschung und blinder, todbringender, menschenverachtender Gewalt. Im Mittelpunkt steht nicht der leidende Jesus - er hat in dem Spiel eine völlig stumme Rolle - sondern Pilatus, der aus Angst vor dem aufgehetzten Volk das Urteil spricht - aber auch Petrus, der zunächst zaudernd und zweifelnd das Geschehen der Verurteilung und Kreuzigung beobachtet, dann aber mit neuem Mut und neuer Kraft die Botschaft des Gekreuzigten weiter trägt.
Friedrich Zauner wollte und will mit seiner "Passion" keine großen "Theatereffekte" erzielen. Für ihn geht es um den Inhalt und die Botschaft. Und diese Botschaft übersetzt er in eine Sprache, die immer noch aktuell ist. Zauner hält sich an die biblische Erzählung - vor allem an das Evangelium nach Johannes - aber sie ist gewissermaßen der Hintergrund, auf dem die vielen Fragen - auch die Anfragen an Jesus, sein Wirken, seine Botschaft aus dem Blickwinkel des heutigen Menschen gestellt werden. Vor allem durch den Chor werden Fragen wie in einem Brennglas gebündelt, werden Zeit und Raum aufgebrochen, das Spiel erhält Distanz und Nähe zugleich.
Anknüpfend an den Erfolg und die große öffentliche Anerkennung für die "Passion" in Rainbach wagte sich der Verein und allen voran Friedrich Zauner im Jahr 2005 an ein neues Spiel. "Zeichen und Wunder" lenkte den Blick in das Evangelium zurück auf das öffentliche Auftreten von Jesus bis zu seiner Gefangennahme und Kreuzigung. Natürlich war dieser biblische Stoff wesentlich komplexer und damit auch schwieriger umzusetzen als die Leidensgeschichte. Denn die Passion ist allgemein hin noch in ihrem Inhalt bekannt. Schwieriger war es, das Wirken von Jesus aus dem Blickwinkel derer darzustellen, die ihm begegnet sind - und die ihm heute noch begegnen wollen.
Allerdings geht es in Zauners Evangelienspiel "Zeichen und Wunder" nicht um eine getreue Wiedergabe biblischer Texte. Sie werden dann und wann zitiert, wirken dabei aber in ihrer Sprache eher fremd und "unerhört". Die Wundererzählungen und Zeugnisse des Wirkens dieses Jesus von Nazareth, durch die biblische Sprache über Jahrhunderte hinweg glatt poliert und damit weit vom Leben und Weltverständnis des heutigen Menschen entfernt, erhalten im Evangelienspiel auf einmal eine geradezu erschreckende und manchmal verunsichernde Lebensnähe. Da ist nicht mehr der sichere Abstand des frommen Bibellesers von heute, der der diese Wunderberichte einordnet in den Bereich der erbaulichen Erzählungen aus einer fremden, weitgehend auch unbekannten Welt und der schon weiß, wie die Geschichte ausgeht. Plötzlich spürt der Zuschauer: Auch er gehört zu diesen Menschen, für die dieser Jesus Wundertäter und Messias, politischer Führer und Retter in der Not wird. Seine Gesellschaft, das sind Fischer, Bauern, Zöllner, die einfachen Menschen, die nicht unbedingt zu den "Anständigen, Gutbürgerlichen" gehören. Die Apostel erscheinen sehr menschlich, mit menschlichen Empfindungen, mit Fragen, mit all ihrer Angst vor dem, auf das sie sich da mit diesem Jesus eingelassen haben.
Und da sind auch die Zweifler. Da ist der große Gegenspieler Judas Iskarioth. Er sieht sich in Jesus bitter enttäuscht und verletzt. Er hatte auf den Messias gesetzt, den Befreier von der verhassten römischen Besatzung. Er glaubte sich am Ziel beim Einzug in Jerusalem, ab er bald spürt er: Die Macht ist bei den Römern. Die einzige Macht, die Jesus hat, ist es, die Leute zu faszinieren, in den Augen des Judas wie ein Gaukler. Für ihn ist Jesus am Ende der wahre Verräter. Zauner spielt diese Spannung zwischen Jesus und Judas hochdramatisch aus. Aber er macht auch deutlich, Judas handelt nicht aus schnöder Geldgier oder aus niederen Motiven, wie es ihm die christliche Tradition über Jahrhunderte unterstellt.
Auch bei diesem Spiel, das am 9. Juni 2005 Premiere hatte, wirkten neben Hannes Liebmann als Jesus, Andreas Pühringer als Judas, Rosalinde Fabry und Eugen Victor wieder viele Laienschauspieler aus der Gemeinde und aus der Umgebung mit. Besonders markant war die junge Marie Antoinette Goldberger, die in ihren Rollen ihr großes schauspielerisches Talent bewies. Inzwischen war die ganze Produktion des Evangelienspiels in der Gemeinde beheimatat: Johanna Em übernahm die Herstellung der Kostüme, Kinder aus der 4. Klasse der Volksschule Rainbach erarbeiteten die Requisiten, Kinder übernahmen auch kleine Rollen und durften so an diesem großen Theater auch unmittelbar dabei sein. Friedrich Zauner führte ab 2005 selbst Regie bei seinen Stücken. Es gelang ihm, zu zeigen: Gerade in seinem Fremdsein, seinem so radikalen Anderssein, in seinem Ausbrechen aus den Erwartungsmustern der Menschen seiner Zeit wird die Gottheit von Jesus spürbar. Eine Gottheit, die Nähe und Ferne zugleich bedeutet, Frage und Antwort ist, Hoffnung und Erfüllung. Jesus - das war nicht der Wunderheiler für jedermann, nicht der Retter der Massen, nicht der große Führer seines Volkes. Was von ihm bleibt - auch am Ende seines öffentlichen Auftretens, als man ihn abführt, um ihn hinzurichten - ist die Kraft der Veränderung, Lebenskraft über den leiblichen Tod hinaus, Lebenskraft in all denen, die von seinem Feuer angesteckt worden sind. Unüberhörbar der Ruf zur Entscheidung: "Die Zeit ist da". Dieser Jesus fordert eine Entscheidung, er ist kein harmloser Sektierer. "Die Zeit ist da" - dieser Ruf steht eigentlich am Ende des Weges, den Jesus geht - vor seinem Einzug in Jerusalem, der im Tod am Kreuz endet. Damit nimmt Zauner auch ein Stück seiner Passion vorweg - oder im Fall dieser Aufführung ruft er sie wieder in Erinnerung: Die Passion ist die große Entscheidung, der sich ein Pilatus, ein Petrus, ein Judas zu stellen hat.
Das Evangelienspiel "Zeichen und Wunder" zeigte den Zuschauern in Rainbach nicht abstrakte, strohtrockene und zumindest lebensfern klingende Theologe der Gelehrten, aber auch nicht einen harmlosen, liebenswürdig- unverbindlichen Jesus der Hippie-Generation. Jesus hinterlässt seine unauslöschlichen Spuren in der Weltgeschichte - auch wenn er zum ersten Mal in einem kleinen Ort irgendwo am Rand der Welt auftritt - und auch in der Darstellung seines Wirkens und Handelns in einer kleinen Gemeinde im Innviertel.
Wieder hatte Fridolin Dallinger die Musik geschrieben, Hubert Gurtner übernahm ab 2005 die Leitung von Chor und Orchester der Rainbacher Evangelienspiele. Dallingers Musik verlangte von Sängern und Instrumentalisten höchste Konzentration, um die Spannung im Spiel zu erhalten, ja ständig zu steigern.
Der dritte Teil der Evangelienspiele, der im Juni 2006 in Szene gesetzt wurde, befasste sich mit der Gestalt Johannes des Täufers, des Rufers in der Wüste. Auch diesmal wieder war unübersehbar: Friedrich Zauners Spiel auf dem tragenden Grund der biblischen Botschaft will den Menschen heute ansprechen - das Geschehen vor 2000 Jahren übersetzen in eine Zeit der Auf- und Umbrüche, der Suche nach neuen Sinninhalten und neuen Weltanschauungen. Zauner zeichnet das Bild eines Propheten, der aus einer anderen Welt zu kommen scheint, der in seiner Radikalität ohne Kompromisse auftritt. Dieser Johannes ist kein frommer Prediger - diese Rolle kommt im Evangelienspiel Jesus zu, der sich im Jordan taufen lässt. Johannes redet eine Sprache, die an schonungsloser Deutlichkeit nicht zu überbieten ist. Und damit wird dieser Prophet geradezu atemberaubend präsent. Die Wüste ist die Gleichgültigkeit, die Gnadenlosigkeit der Welt. Die biblische Gestalt des Johannes steht an der Zeitenwende, in einer Zeit des politischen, gesellschaftlichen und religiösen Umbruchs in Judäa und Galiläa. Johannes war einer unter wohl vielen anderen radikalen Predigern, die sich ihre Zuhörer bei den verunsicherten Massen suchten und auch fanden. Die Botschaft des Johannes, auf die Friedrich Zauner sein Spiel zuspitzt, lautet: "Kehrt um, die Zeit ist nahe!". Die Darstellung Johannes des Täufers, wie schon in den Jahren vorher auf der inzwischen bestens bewährten, in ihrer Ausstattung provokant einfachen Bühne in der Scheune neben dem Kirchenwirt, wurde zur ausdrucksstarken Verbindung von biblischem Spiel, klassischem Drama und Aktionstheater. Horst Heiß verkörperte den Johannes, Hannes Liebmann den Herodes und Carola Beil die Herodias. Wieder konnten auch Nachwuchsschauspieler ihre Begabung zeigen, wieder gab es einen großartigen Chor für die Musik von Fridolin Dallinger. Nach der Premiere am 15. Juni 2006 gab es noch acht weitere Aufführungen.
"Das Grab ist leer" - die fünfzig Tage zwischen Ostern und Pfingsten zeigte das vierte Rainbacher Evangelienspiel im Juni 2007. Friedrich Ch. Zauner hatte in diesem Evangelienspiel viel gewagt. Denn es ist noch einigermaßen leicht, das Leiden und den Tod auf die Bühne zu bringen, die Passion, die Kreuzigung. Aber die Auferstehung, das Ostergeschehen? Etwas zeigen, was eigentlich nicht sichtbar ist, was sich nur erspüren, erahnen lässt, ja letztendlich nur glauben lässt? Etwas, das sich aller menschlichen Berechnung und Machbarkeit entzieht? Dafür reichen die biblischen Aussagen nicht immer aus. Sie erscheinen dem heutigen Menschen, der sich die Welt zu erklären sucht, wie fremde, vielleicht noch erbauliche Geschichten. Zauner versucht, die Botschaft der Auferstehung, das Unbegreifliche, durch fragende Menschen begreiflich zu machen, das Ungesagte in die Sprache der Fragenden, der vom leeren Grab Bewegten zu bringen.
Dadurch wird die Handlung notwendigerweise auf mehrere Ebenen verlegt, wie auch die Annäherungen an den, der nicht mehr da ist, der nur spürbar ist, sehr unterschiedlich sind. Da sind die Römer, die nur dem momentanen Zweck und Nutzen dienend handeln, die nur Befehlsempfänger sind, ohne sich ernsthaft mit den Hintergründen zu befassen. Zu diesen Römern, den durch die Stimmung im Volk verunsicherten Befehlsempfängern gehört auch der Statthalter des Kaiser: Jesus war der große Irrtum des Pilatus.
Das Geschehen ist eine ständige Bewegung, da ist nichts fertig und sicher, ein Spiel der vielen Fragen, auf die es zunächst keine einleuchtende Antwort gibt. Die Fragen verdichten sich - Sonnenaufgang eines neuen Glaubens, einer neuen Sicht auf Leben und Tod - ein neuer Tag hat begonnen: Unruhe treibt die Menschen, aus der Unsicherheit wird eine sich verdichtende Gewissheit: Eine neue Zeit ist da. Das ist die Botschaft, die Friedrich Zauner in seinen vier Evangelienspielen vermitteln will: Mit diesem Jesus von Nazaret ist eine neue Zeit angebrochen, menschliches Dasein wandelt sich, der Geist treibt an, bewegt, zerbricht starre und enge Weltbilder. Diese neue Zeit wird im Spiel vom leeren Grab anschaulich gemacht im Pfingstereignis. Zauners Evangelienspiel will und kann die Sichtweisen der Auferstehung, von Skepsis und Ablehnung über die sachlich-zweckdienliche Beurteilung bis hin zum Erleben einer neuen Wirklichkeit zu bündeln. Der Zuschauer kann sich den Weg mehr oder weniger aussuchen, den er in seiner Sichtweise und seinen Gedanken mitgehen kann und will. Die Fragen bleiben am Ende offen - das unbegreifliche wird allerdings begreiflich im Wirken des Geistes, im pfingstlichen Aufbruch hinein in eine neue Zeit. Den Glauben an die Auferstehung will dieses Spiel nicht abnehmen. Die Fragen nach Tod und Leben, die uralten Fragen der Menschheit, finden jedoch eine begreifliche Antwort - auch in einer Zeit, in der Leben und Tod für viele Menschen machbar und verfügbar geworden sind.
Neben Horst Heiß, der den durchaus unsicheren und zweifelnden Petrus spielte, Achim Grauer und Eugen Victor waren wieder die schon zur festen Gemeinschaft gewordenen Spieler aus der Gemeinde mit dabei. Besonders ausdrucksstark war der Solotanz von Claudia Tinta. Die viel beachtete Premiere war am 15. Juni 2007, der Autor Friedrich Zauner führte selbst Regie. Zu den einzelnen Aufführungen wurden Chöre aus dem Innviertel eingeladen, die Ehrenauftritte im Spiel übernahmen.
Im Jahr 2008 wurde die Passion neu inszeniert, diesmal ebenfalls von Friedrich Zauner, und vom 12. bis 22. Juni gespielt. Gegenüber der ersten Aufführung waren manche Szenen geradliniger gestaltet, es ging Zauner nicht nur als Autor, sondern auch als Regisseur mehr um die Botschaft als um besonders spektakuläre Regie-Einfälle. Und das Spiel blieb genauso bewegend und mitreißend wie vor vier Jahren. In einem Gespräch mit Mattäus Fellinger für die Linzer Kirchenzeitung betonte Zauner: "Ich deute nicht, ich dichte. Ich möchte den Leuten ein Bild der eigenen Geschichte - das ist die christliche Religion - präsentieren. Nachdenken müssen sie selber." Damit wird die Passion und werden die Evangelienspiele in Rainbach zu einer positiven Provokation - gegen den Zeitgeist, der sich manchmal recht deutlich und nachdrücklich von der Botschaft des Christentums absetzen will. Ziel des Autors und Regisseurs Friedrich Zauner war es bei allen seinen Inszenierungen, gerade auch jene Leute anzusprechen, die mit der christlichen Tradition und mit dem kirchlichen Leben nicht mehr viel zu tun haben oder haben wollen. Wie schon in den Vorjahren wirkte die Bildkraft der Sprache - auch der Sprache des Chores - und die dramaturgisch sehr geschickte Umsetzung auf der Bühne in der Rainbacher Theaterscheune. Dadurch wurden den Zuschauer auf dem - allfällig bekannten - Hintergrund der Leidensgeschichte Jesu Christi Abgründe menschlicher Tragödien in zeitgemäßer, provokativer Dichtkunst nahe gebracht. Mit Ulrich Matthaeus als Pilatus, Sabrina Wenzel als dessen Frau, Johannes Berg als Petrus und Robert Valentin Hofmann als Herodes standen wieder profilierte Schauspieler auf der Bühne, neben all jenen, die seit 2004 alle Jahre wieder in die Rollen der Menschen schlüpfen, die Fragen stellen und zum Fragen anregen, die Zweifler und die Enttäuschten, denen dieser Jesus, der den toten Lazarus zum Leben erweckte und selber am Kreuz starb, nahe und doch so fern war. So blieben bei allen vier Stücken der Rainbacher Evangelienspiele Fragen offen, wurde das Publikum nicht mit fertigen Lösungen gut unterhalten, sondern behutsam und zugleich mit allem Nachdruck zum Nachdenken geführt, zum Weiterdenken der uralten Frage von Leben und Tod.
Im Jahr 2009 verlässt Friedrich Zauner den Kontext des Evangeliums. Mit dem alttestamentlichen Hiob wird eine der berührendsten und zugleich anstößigsten Gestalten des Alten Testaments gezeigt, der reiche Bauer, der wie aus heiterem Himmel alles, was sein ist, verliert, dabei aber nicht an der Nähe und dem Willen Gottes zweifelt und verzweifelt.
Mit den Evangelienspielen hat die Gemeinde Rainbach weithin Aufsehen erregt und Anerkennung erhalten. Denn was hier als Gemeinschaftswerk des Dorfes und seiner Männer, Frauen, Jugendlichen und Kinder entstanden ist, kann sich wohl sehen lassen, nicht nur als besonders gelungene Theaterproduktion, in der sehr viele Begabungen aus der Gemeinde zum Leuchten gebracht werden, sondern auch als eine moderne, manchmal dem Zeitgeist wohl entgegenlaufende, aber umso wichtigere Form der Weitergabe von christlichen Glaubensinhalten und Lebenswerten, als eine Form der Fragen nach der menschlichen Existenz, nach Leben und Tod, Macht und Ohnmacht, Angst und Hoffnung.
Die Gemeinde kann sich glücklich schätzen, dass Friedrich Ch. Zauner 1936 hier geboren wurde und seit 1965 mit seiner Frau Roswitha in seinem Heimathaus in Hauzing 8 lebt, aber auch, dass sie in Bürgermeister Alois Gimplinger einen Mann an der Spitze hat, der mit großer Offenheit und dem nötigen Weitblick diese beeindruckenden Theaterinszenierungen möglich gemacht hat. Und diese Evangelienspiele haben ihr eigenes Profil längst gefunden - sie lassen sich nicht messen an Erl, St. Margarethen oder Mettmach, sie sind und bleiben großes Theater mit Tiefgang, das auch lebt von der unbändigen Spielfreude all derer, die sich von Anfang an haben mitreißen lassen. Literarisch-künstlerische Spiele sollten nach dem Willen von Friedrich Zauner in Rainbach entstehen, eine aktuelle Auseinandersetzung mit der Bibel, unabhängig von der christlichen Konfession. Zauner geht es, wie er in einem Gespräch mit dem "Neuen Volksblatt" gesagt hat, "nicht um jüdische, christliche oder islamische Gestalten, sondern um archaische Figuren, die eine Prüfung zu bestehen haben".
In Rainbach sollen die Evangelienspiele sein und bleiben, das will Friedrich Zauner auf jeden Fall. Er will nicht, dass die Aufführungen zu einem gesellschaftlichen Ereignis werden, sondern die Zuschauer noch wirklich ansprechen durch die Tiefe und den Inhalt seiner Stücke.
Für Rainbach stellen die Evangelienspiele eine große Bereicherung des Dorflebens dar: Immerhin sind in jedem Jahr mehr als 50 Leute auf und hinter der Bühne mit einbezogen, man kommt ins Gespräch, entdeckt Talente und jeder, der dabei ist, spürt, dass er den Zuschauern etwas Wertvolles mitgeben kann: ein Stück biblische Botschaft, die "leibhaftig" und damit begreiflich wird - auch für viele, die sich heute mit der christlichen Überlieferung schwer tun - und vielleicht damit auch manche Antworten auf die uralten Fragen nach Leben und Tod.