Wolfgang Huber-Lang
"Zeitgeschichte
auf dem Lande"
in "Salzburger Nachrichten"
Lange galt Literatur, die sich ländlichen Gebieten
und Strukturen widmete, nicht mehr als salonfähig. Die nationalistischen
Blut-und-Boden-Dichter hatten ein ganzes Genre nachhaltig in einen
schlechten Ruf gebracht. Erst in den letzten Jahren setzte allmählich
eine Trendwende ein und verhalf Edgar Reitz' Film-Epos "Heimat"
oder Anna Wimscheiders bäuerlichen Erinnerungen "Herbstmilch"
zu überragenden Erfolgen. Mit den zunehmenden Aktivitäten der
Kleinverlage begann auch in Osterreich eine Renaissance der "Heimatdichtung".
Franz Steinmaßl, der "Mühlviertler Geschichtsarbeiter
und Kleinverleger", wie er sich bezeichnet, hat mit seiner im
oberösterreichischen Grünbach beheimateten "Edition Geschichte
der Heimat" nicht nur mit vielen Büchern die dunklen Kapitel aus
der Zeitgeschichte seiner Region aufgearbeitet (etwa "Die Hatz",
Thomas Karnys Buch zur Mühlviertler Hasenjagd), sondern auch der
bodenständigen Prosa ein Forum gegeben. Das dabei umfangreichste
Projekt liegt seit kurzem vor: Friedrich Ch. Zauners Roman-Tetralogie
"Das Ende der Ewigkeit".
Der Germanist und Theaterwissenschaftler Zauner,
1936 in Rainbach am Inn geboren, widmet sich in diesem Zyklus
einer Landschaft im oberösterreichischen Grenzgebiet zu Bayern.
Dort liegt die kleine Ortschaft Thal, umgeben von noch unscheinbareren
und einsameren Siedlungen mit den bezeichnenden Namen Oed und
Fegfeuer. Zauner beginnt seine Chronik in der Silvesternacht des
Jahres 1900. Die Prophezeiungen der als Hexe verschrienen Vev
verheißen für das anbrechende Jahrhundert nichts Gutes: Vermummte
schwarze Gestalten sieht sie in einem endlosen Zug nach Osten
ziehen, brennende Zigarren vom Himmel fallen.
Noch wissen die erschrockenen Dorfbewohner die düsteren
Vorausahnungen nicht zu deuten, noch scheint das Dreigestirn "Gott,
Kaiser und Vaterland" Ewigkeitswert zu haben. Das "Ende der Ewigkeit"
kündigt sich in diesem hintersten Winkel der Monarchie erst sehr
viel später an. Zunächst wird ein kleiner sozialistischer Agitator
kräftig verdroschen, der Beginn des Krieges gegen Serbien euphorisch
begrüßt. Doch Zauner bedient in seiner einfachen, bildhaften Sprache
keinerlei bäuerliche Sozialromantik, sondern schildert illusionslos
die Dorfstruktur, in der die durch Geburt erworbenen Vorrechte
ebenso unumstößlich gelten wie im Hochadel, strenge Regeln und
uralte Traditionen, die dörfliche Hierarchie und das Zusammenleben
von Bauern und Gesinde bestimmen. Zauners Hauptfigur ist ein Außenseiter:
Maurits, als Findelkind in jener stürmischen Neujahrsnacht vom
Thaler Wirten aufgelesen, begleitet den Leser durch eine in ihren
Geschehnissen zwar unspektakuläre, in ihrer Genauigkeit und Ungeschminktheit
jedoch packend erzählte Geschichte. Die in den Krieg gezogenen
Männer und Söhne kehren nicht als beutebeladene Helden, sondern
als kleinlaute Krüppel heim - die Weltgeschichte hinterlässt auch
in Thal blutige Spuren.
Wenn Zauners Romantetralogie abgeschlossen wird,
dann ist die neue Heimatliteratur um einen in jeder Hinsicht gewichtigen
Beitrag reicher: Nicht dumpf heimattümelnd, sondern scharfsinnig
rückschauend; nicht Blut und Boden, sondern Licht und Schatten.
Heimat, dunkle Heimat. (Salzburg, 29. Jänner 1994)